01 Ein Licht im Regen
Als Mara an diesem Donnerstag aus der Schule kam, regnete es so stark, dass die Straße wie ein Fluss glänzte. Unter dem Dach der alten Stadtbibliothek suchte sie Schutz. Eigentlich wollte sie schnell nach Hause. Morgen sollte sie vor ihrer Klasse eine Geschichte vorlesen, und schon beim Gedanken daran wurde ihr Bauch ganz eng. Durch das Fenster sah sie ein warmes Licht. An der Tür hing ein Schild: „Heute länger geöffnet. Für alle, die etwas suchen.“ Mara suchte vor allem einen trockenen Platz. Also trat sie ein.
02 Das Buch ohne Titel
Drinnen roch es nach Papier und Pfefferminztee. Hinter dem Schreibtisch saß Herr Voss, der Bibliothekar. Er nickte Mara zu und zeigte auf einen freien Sessel. Daneben lag ein schmales Buch mit einem silbernen Faden im Einband. Es hatte keinen Titel. Als Mara es öffnete, waren sämtliche Seiten leer. Erst als sie mit dem Finger über das Papier strich, erschien ein Satz: „Manche Türen öffnen sich nur, wenn jemand genau hinsieht.“ Mara klappte das Buch erschrocken zu. Der Satz leuchtete trotzdem noch einen Augenblick durch den Deckel.
03 Hinter dem Regal
„Es hat dich bemerkt“, sagte Herr Voss ruhig. Er schob ein Regal zur Seite. Dahinter lag eine kleine Werkstatt voller Papiersterne, Gläser und gefalteter Karten. „Hier bewahren wir leise Magie auf. Sie macht niemanden reich und erledigt keine Hausaufgaben. Aber manchmal hilft sie Menschen, etwas selbst zu schaffen.“ Auf einem Tisch stand eine Laterne. In ihr schwebte ein winziger goldener Funke. Bis zum letzten Glockenschlag um sechs musste die Laterne wieder hell leuchten. Sonst würden die Wörter im Buch für ein ganzes Jahr verschwinden. Mara sah auf die Uhr: Es war Viertel vor sechs.
04 Drei Dinge, ein Hinweis
Neben der Laterne lagen eine blaue Feder, ein Messingschlüssel und ein grauer Stein. Auf einer Karte stand: „Ich habe keinen Mund und erzähle doch. Ich habe keine Beine und nehme dich mit. Was bin ich?“ Mara griff sofort nach dem Schlüssel. In Abenteuergeschichten öffneten Schlüssel schließlich fast immer etwas Wichtiges. Doch die Laterne wurde dunkler. „Hier gewinnt nicht die schnellste Hand“, sagte Herr Voss. Mara legte den Schlüssel zurück. Dann las sie die Karte noch einmal, diesmal langsam. „Ein Buch“, flüsterte sie. Auf der Karte erschien ein Pfeil, der auf das offene Buch zeigte. Keiner der drei Gegenstände war die Antwort.
05 Ein schwieriger Satz
Auf der nächsten Buchseite stand nun: „Schenke der Laterne eine wahre Geschichte.“ Mara begann von einem Drachen zu erzählen, der auf dem Schuldach gelandet war. Sie erfand sogar silberne Schuppen und einen gewaltigen Nieser. Der Funke blieb klein. Mara verstummte. Dann erzählte sie stockend von morgen: „Ich soll vorlesen. Zu Hause kann ich es. Aber wenn alle zuhören, vergesse ich manchmal die Wörter. Ich habe Angst, dass jemand lacht.“ Der Funke wuchs zu einer kleinen Flamme. Herr Voss sagte nichts. Er schob nur einen Stuhl zu ihr, setzte sich daneben und wartete.
06 Jemand hört zu
Auf der letzten Seite erschien ein kurzer Text über einen Fuchs, der sich im Nebel verlaufen hatte. Mara sollte ihn vorlesen. Beim dritten Satz blieb sie an einem langen Wort hängen. Sie wollte von vorn anfangen, doch Herr Voss hob freundlich die Hand. „Du musst nicht alles noch einmal machen. Atme kurz und lies an dieser Stelle weiter.“ Mara holte Luft. Sie zerlegte das Wort in kleinere Teile und sprach es langsam aus. Herr Voss hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Mit jedem Satz wurde das Licht wärmer. Als die Uhr sechs schlug, leuchtete die Laterne bis in die Ecken der Werkstatt.
07 Ein Geschenk ohne Zauberkraft
„Hat die Laterne meine Angst weggezaubert?“, fragte Mara. Herr Voss schüttelte den Kopf. „Du hast trotz deiner Angst weitergelesen. Das war deine eigene Leistung.“ Er gab ihr die blaue Feder als Lesezeichen. „Die ist nicht verzaubert. Sie kann dich aber daran erinnern, eine Pause zu machen.“ Mara musste lachen. Sie hatte in der Werkstatt nach einem mächtigen Zaubergegenstand gesucht. Bekommen hatte sie einen Zuhörer, Zeit zum Üben und eine gewöhnliche Feder. Als sie die Bibliothek verließ, regnete es noch immer. Ihr Bauch fühlte sich trotzdem etwas leichter an.
08 Am nächsten Morgen
Am nächsten Morgen zitterten Maras Hände, als sie ihr Heft aufschlug. Zwischen den Seiten lag die blaue Feder. Beim ersten schwierigen Wort machte sie eine Pause, atmete und las weiter. Niemand lachte. Nach dem Unterricht fragte ihr Mitschüler Ben, ob sie mit ihm für seinen Vortrag üben würde. „Natürlich“, sagte Mara und rückte einen Stuhl neben ihren. Auf dem Heimweg schaute sie an der Bibliothek vorbei. Im Fenster stand die Laterne. Ihr Licht war im hellen Nachmittag kaum zu sehen. Mara entdeckte es trotzdem.